Videotechnik - Das Auge entscheidet mit (GIT SICHERHEIT + MANAGEMENT, Heft 10/2012, Seiten 36/37)

eyewatch hat gerade eine IP-basierte All-in-one-Kamera vorgestellt. Sie stellt eine Plattform dar, die es ermöglicht, Anwendungen direkt auf den Kameras zu installieren und auszuführen – unabhängig von einer zentralen Serverlösung. Ein Software-Developer-Kit eröffnet Entwicklern die Möglichkeit, neue Anwendungen zu programmieren und selbst auf der Kamera zu installieren. Matthias Erler von GIT SICHERHEIT hat Thomas Blum, Geschäftsführer von eyewatch, dazu befragt.

 

GIT SICHERHEIT: Herr Blum, die vor einiger Zeit bereits angekündigte "mitdenkende" intelligente eyewatch-Kamera ist ja jetzt auf der Security zu sehen gewesen. Lassen Sie uns aber vorher noch mal einen Blick auf den Sicherheitskamera-Markt als solchen werfen: Er tendiert ja wohl insgesamt in Richtung "Intelligenz"?

 

Thomas Blum: Der Kameramarkt ist in der Tat stark in Bewegung – er ist einer der letzten Märkte, in denen die Ablösung analoger Technik zugunsten digitaler Systeme noch voll im Gange ist. Die Videoüberwachung ist – bezüglich der Auswertung der Bilder – heute noch stark personenbezogen. Die zur Automatisierung benötigte Technik ist wiederum nach unserer Einschätzung noch nicht ausreichend vorhanden.

 

... aber bei der Videoanalyse hat sich doch sehr viel getan?

 

Thomas Blum: Es gibt in der Tat die Bemühung, diese Automatisierung mit den Mitteln der Videoanalyse herbeizuführen. Das ist vergleichbar mit dem Aufkommen von Multimedia in den 80er und 90er Jahren – es kam durch das Internet alles anders als man damals erwarten konnte. Wir sehen eher die Tendenz, dass die Intelligenz in die Kameras kommt, so dass sie die genannten Aufgaben unabhängig vom PC erledigen kann. Allerdings gab es bislang noch keine Kameras, die so leistungsfähig sind, dass sie Videoanalyse so betreiben könnte wie ein PC.

 

Die mangelnde Rechenpower hat mit anderen Worten bisjetzt den Trend zur intelligenten Kamera behindert?

 

Thomas Blum: Das ist richtig. Eine entsprechende Untersuchung von IMS Research hat auch gezeigt: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen Kamera- und PC-basierter Videoanalyse, weil es an der Rechenpower der Kamera fehlt. Dazu kommt aber noch etwas anderes: Es gibt natürlich vorinstallierte Videoanalyse in Kameras – die ist aber nicht flexibel austauschbar und nachrüstbar, wie das mit der Software im PC der Fall ist. Die Kamera ist auf einen bestimmten Bedarf eingerichtet, ein Nachladen von Videoanalyse-Features je nach Anwendungsfall ist aber nicht mehr möglich. Und hier setzt das eyewatch- Konzept an.

 

Wie sieht dieses Konzept genau aus?

 

Thomas Blum: Die Grundidee unseres Konzepts liegt darin, eine Plattform zu bieten, auf deren Grundlage Dritte ihre Anwendungen entwickeln können. Basis dessen ist eine Kamera, die die Rechenleistung eines PC mitbringt, also – je nach Aufgabe – mit unterschiedlicher Software nachgeladen werden kann. Das können Aufgaben der Videoanalyse sein, wie etwa das Erkennen bestimmter sicherheitsrelevanter Merkmale oder bestimmter Gesichter. Es können aber auch Interfaces oder Protokolle sein, die nachgeladen werden, und derer es etwa zum Anschluss von Zutrittskontrolllösungen oder RFID-Systemen bedarf. Der Systemadministrator kann das System dann jeweils an den konkreten Bedarf anpassen.

 

Warum ist es ein Vorteil, statt mit einem PC mit solchen All-in-One-Kameras zu arbeiten?

 

Thomas Blum: Dadurch, dass eine Videoüberwachungsanlage üblicherweise eine extreme Menge von Daten erzeugt, braucht man in der Regel eine Infrastruktur, also einen zentralen Server, an den die Kameras angebunden werden müssen. Das ist aufwendig hinsichtlich Installation und Wartung und außerdem kostenintensiv. Wir setzen dem eine Lösung entgegen, die intelligent ist, selbst entscheiden kann, was wichtig ist und dabei in höchstmöglicher Auflösung aufzeichnet.

 

Wie funktioniert diese Plattform für Programmierer im Einzelnen?

 

Thomas Blum: Die Kamera stellt eine generische, Linux-basierende CPU bereit, die frei ist für Entwickler, die beispielsweise Programme zur Objekt-, Farb- oder Gesichtserkennung entwickeln wollen. Dafür gibt es ein Software-Developper-Paket. Wir erwarten, dass auf diese Weise im Laufe der Zeit wirklich gute Anwendungen zustande kommen. Sie können zum Beispiel klassische Videoanalyse-Unternehmen sein. Aber auch im Rahmen von Projekten lassen sich durch den jeweiligen Integrator spezifische Lösungen entwickeln.

 

An welche Branchen oder Anwendungsbereiche denken Sie hier in erster Linie?

 

Thomas Blum: Das ist völlig offen. Die Kameras sind im Auslieferungszustand komplett einsatzfähig und mit einer eigenen Software ausgestattet, so dass sie im Grunde durch eine Anwender-Applikation auf den konkreten Bedarf hin weiterentwickelt werden kann. Die Kamera bietet alles, was von einer qualitativ hochwertigen Kamera erwartet werden kann:

2 Bildsensoren mit je 5 Megapixel Auflösung, IP 65-Klassifizierung der Innen- und Außenversion, ONVIF-Kompatibilität, Audio-2 Wege Kommunikation sowie Infrarot-Beleuchtung. Es gibt keinerlei bewegliche mechanische Teile. Die Kamera kommt von vornherein mit einer spezifischen Programmierung, so dass sie auch ein Plug & Play-System ist. Die windows-basierende und leicht zu bedienende – und eben erweiterbare – Videomanagement-Lösung "Eye-Control" verwaltet das Videomaterial – und man kann damit z.B. live überwachen, Alarme bearbeiten und Bilder auswerten.

 

Es gibt ja bereits erste Entwicklungen Dritter, die auf der Security zu sehen waren?

 

Thomas Blum: Ja, es gibt erste Anwendungen zum Erkennen bestimmter Objekte und Farben. Aber das ist natürlich erst der Anfang.

 

Herr Blum, wir danken Ihnen für das Gespräch.