Uwe Bartels, Key Account Manager Healthcare Solutions, im Interview mit „RFID im Blick“

Artikel in "RFID im Blick" Ausgabe Mai 2015 Seite 42/43

Auf Basis aktiver UHF-RFID-Technologie entwickelt Deister Electronic Systeme zum Schutz von Patienten, Babys, Demenzkranken und Mitarbeitern in Ämtern.

In zahlreichen Bereichen müssen Menschen geschützt werden: Neugeborene in Krankenhäusern vor unrechtmäßigem Zugriff ebenso wie Mitarbeiter in Ämtern vor Übergriffen oder Demenzkranke in Pflegeeinrichtungen vor dem Weglaufen. Um dies zu gewährleisten, muss ein Schutzsystem nicht nur sicher Alarme auslösen, sondern auch zahlreiche weitere Anforderung erfüllen. Im Gespräch mit „RFID im Blick“ erläutert Uwe Bartels die Funktionsweise des auf aktiver UHFRFID-Technologie basierenden Systems "amanTag" und spricht über die Besonderheiten des Einsatzes in den unterschiedlichen Bereichen.

Herr Bartels, wie funktioniert das RFID-Personenschutzsystem?

Das System besteht grundsätzlich aus drei Komponenten: einem Locator, einem Receiver und mindestens einem Personentransponder. Der Locator erzeugt einen Art elektronischen Vorhang oder eine Schutzzone, indem er ein niederfrequentes 9-khz-Signal aussendet. Diese Frequenz hat eine hohe Durchdringungsrate, ist störungsunanfällig und unschädlich für Menschen. Sobald ein Personentransponder in das Feld des Locators gelangt „erwacht“ dieser und speichert die Ortskennung, die der Locator ausgibt. Diese Orts-ID zusammen mit seiner Transponder-ID sendet der Transponder als Signal, welches vom Receiver, der auf 868 MHz arbeitet, erfasst, verarbeitet und an angeschlossene Systeme, wie beispielsweise eine Telefonanlage oder einen Alarmserver, weitergibt, damit ein Alarm ausgelöst wird.

Weshalb setzt Deister Electronic auf UHF-RFID anstatt auf WLAN, um beispielsweise vorhandene Infrastrukturen zu nutzen?

Zunächst sind WLAN-Transponder Permanentsender, die zu einem höheren Elektrosmog durch permanente Funkwellen führen können. WLAN-Transponder kommunizieren auf 2,5 GHz – eine Frequenz, die einen Einfluss auf ungeschirmte Körperhilfen haben kann. Auch wenn dazu noch keine verlässlichen Langzeitstudien vorliegen, kann es nicht im Interesse der Krankenhäuser sein, sich mit besorgten Patienten über den Einfluss von Funkwellen auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass WLANs in Krankenhäusern für den Transport sensibler Patientendaten genutzt werden. Administratoren sorgen sich deshalb, das andere Systeme den Versand beispielsweise von hochauflösenden MRT-Aufnahmen stören könnten. Bei der Nutzung von Bluetooth treten ähnliche Hürden auf, daher sehen wir in einer aktiven UHF-RFID-Anwendung die ideale Lösung, die lediglich mit 0,001 Milliwatt sendet und das auch nur für wenige Millisekunden. Das reduziert den entstehenden Elektrosmog auf ein Minnimum, sorgt für ein positives Energiemanagement und andere Datenübertragungen werden nicht gestört.

Systeme, die Demenzkranke mit Lauftendenzen schützen sollen, werden bereits seit Mitte der 1990er Jahre integriert. Wie werden die Systeme weiterentwickelt?

Da sind wir maßgeblich auf das Feedback aus der Praxis angewiesen. Nutzten frühere Systeme beispielsweise 125 kHz als alleinige Frequenz (ohne Zweitfrequenz), mussten wir uns davon verabschieden, da diese durch elektronische Vorschaltgeräte in Beleuchtungen massiv beeinträchtigt wurden. Wir müssen somit auch immer die technische Umgebung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Ämtern im Blick behalten. Bei Bedarf passen wir alle Hard- und Softwarebestandteile an oder entwickeln sie neu. In Gesprächen mit Nutzern in jüngster Zeit hat sich ergeben, dass der Einsatz von Sensorik in den Personentranspondern interessant sei, um zum Beispiel einen Alarm zu erhalten, sobald sich Pflegeheimbewohner zu lange in der Sonne befinden. In unserem „amanTag“-Portfolio haben wir Lösungen, auf die wir dafür zurückgreifen können, um diese in innovative Anwendungen zu integrieren.

 

Aktive UHF-RFID-Technologie für die sichere Identifikation und 
Lokalisierung von Personen in unterschiedlichen Umgebungen

 

Weglaufschutz in Pflegeeinrichtungen

Eine Demenzerkrankung kann dazu führen, das Betroffene Lauftendenzen entwickeln und ihre Pflegeeinrichtung unbemerkt verlassen. Damit bringen sie sich und möglicherweise andere in Gefahr, berichtet Uwe Bartels: „Trotz der Herausforderungen ist es das oberste Ziel, dass Pflegeheime offene Einrichtungen bleiben. Nur wenn ein Gerichtsbeschluss vorliegt, dürfen Heime Türen verschließen. Eine aktive RFID-Anwendung ist hier die ideale Lösung, da die Transponder die Bewohner nicht belasten oder stören und das Pflegepersonal unmittelbar per stillem Alarm benachrichtigt wird, sobald ein Bewohner einen bestimmten Bereich verlässt. Die Pflegeeinrichtung kommt so ihrer Fürsorgepflicht nach.“ Europaweit sind bis heute rund 5.000 Systeme von Deister Electronic in Pflegeeinrichtungen installiert.

Vermeidung von Babyentführungen oder -vertauschungen

Eine unschöne Statistik: 10 bis 12 Babys werden jedes Jahr aus Neugeborenenstationen in Deutschland entführt. Selbst wenn die Fälle in der Regel schnell aufgeklärt werden, ist das Erlebte traumatisierend. „Mutter und Kind erhalten je einen Transponder, deren IDs im Backend verknüpft sind. So wird jedes mal ein Alarm ausgelöst, sollte das Baby ohne die Mutter den Stationsbereich verlassen. Der Transponder des Pflegepersonals funktioniert mit jedem Baby. Kombiniert mit Videotechnik müssen die Pflegekräfte auch nicht bei jedem Alarm hinterhersprinten, sondern können am Bildschirm erkennen, ob beispielsweise die Oma oder der Vater mit dem Baby unterwegs war und lediglich den Transponder bei der Mutter gelassen hat“, erläutert Uwe Bartels.

Schutz vor Übergriffen in Ämtern

Infolge von tätlichen Angriffen auf Mitarbeiter beispielsweise in Arbeits- ämtern entstehen jährlich in Deutschland rund 10.000 Krankschreibungen, so Uwe Bartels „Ein Transponder am Handgelenk, der versteckt unter dem Ärmel getragen werden kann, ermöglicht den Mitarbeitern bei Anzeichen von zunehmender Aggressivität unmittelbar Hilfe durch Sicherheitsdienst oder Kollegen zu rufen, ohne dass auf der PC- oder Telefontastatur eine Tastenkombination eingegeben werden muss.“ in den Niederlanden nutzen nahezu 100 Prozent der Sozialämter das AmantagSystem von Deister Electronic, ebenso die Ämter in Dänemark. „In Belgien und Luxemburg sind in rund 60 Prozent der Ämter unsere Lösung im Einsatz und das Interesse in Deutschland nimmt zu, leider auch getrieben durch schwere Übergriffe.“

Sicherheit und Komfort im Patientenhaus

Was 2008 mit einer Pilotanwendung begann, ist bis heute im täglichen Einsatz – ein RFID-basiertes System von Deister Electronic im Patientenhaus Mannheim. „Im Patientenhaus werden bis zu 120 Patienten, die nach einer OP mobil sind, von sieben Pflegekräften und drei Ärzten versorgt. Mit ihrem RFID-Transponder am Arm öffnen die Patienten nicht nur ihre Zimmertür und identifizieren sich bei der Medikamentenausgabe, um Verwechslungen auszuschließen, über einen integrierten Druckknopf können sie auch jederzeit um Hilfe rufen, sollten Sie sich unwohl fühlen. Durch das System aus mehreren Locator- und Receiver-Einheiten wird sichergestellt, dass das Pflegepersonal maximal 70 Sekunden benö- tigt, um dem jeweiligen Patentieren zur Hilfe zu kommen – ganz gleich ob er sich in einem der Flure oder auf der Dachterrasse befindet.“